All Inclusive George

von Bogdan Nitulescu
Die Landung war weich, der Flughafen klein und das Wetter gut. Überglücklich betreten wir den Boden von Antigua, zusammen mit weiteren sonnenhungrigen Pauschalturlaubern aus Deutschland, alle noch bleich, die sich auf die nächsten Tage, Alles Inclusive, freuen.

Die Fahrt zu unserem Hotel gibt uns den typisch karibischen Eindruck; schlechte Straßen, Verkehrsregeln gar anderer Art; links und rechts der Straßen zeigt sich, daß der grüne Punkt hier noch unbekannt ist, aber dafür macht man ja Urlaub.

Unser Taxifahrer kennt jedes Schlagloch, weicht geschickt aus und redet in einem fort von der schönsten Insel, die er seine Heimat nennt und von 365 Stränden die Antigua hat. Eine Atempause nutzend, fragen wir was mit dem Hurricane George ist, der sich in der Karibik angeblich aufbaut. Davon hat er nichts gehört und das wäre hier nicht schlimm und schon erzählt er wieder von den 365 Stränden; selbstverständlich bietet er uns an alle zu zeigen, zahlenderweise.

Nach 45 Minuten und ca. 27 genaueren Strandbeschreibungen erreichen wir die Hotelanlage; groß ist die Begeisterung festzustellen, daß das Hotel nicht einer der üblichen Riesenanlagen ist, sondern mit doch nur 54 Zimmern eine fast familiäre Unterkunft ist. Nach der herzlichen Begrüßung, mittlerweile sind noch mehr andere Touristen aus dem Flugzeug eingetroffen, werden schon besorgte Stimmen laut, man hätte von einem Hurricane gehört. Beruhigt hören wir, daß George auf dem Weg nach Guadeloupe und Martinque ist, und Antigua höchstens streifen wird.

Am Nachmittag gibt es die ersten Snacks und Kontakte, die Bar direkt am Strand verspricht lustige Stunden und die ersten stürzen sich in das warme Wasser. Kurz vor dem Abendessen, dann die Meldung über CNN Wetterkanal daß George nun die Richtung geändert hat und auf Antigua zukommt; Verwirrung.

Was ist ein Hurricane, wie dürfen wir uns das vorstellen, betrifft uns das wirklich? Hurricanes gibt es hier doch jedes Jahr, dann ist es windig und regnerisch, aber das geht doch schnell vorbei? Muß das den wirklich sein, wir sind in Urlaub und im Prospekt wurde zwar darauf hingewiesen, aber buchen kann man ja trotzdem, also wird es nicht wild sein ...

Nur die ernste Mine Bärbels, der Managerin, und die auf einmal schnellere Gangart der Kellner und Servierer läßt leichte Zweifel aufkommen; nach dem Abendessen werden auf einmal Anweisungen zum Verhalten im Falle eines Hurricanes an jedes Zimmer ausgegeben während die Live - Band Reaggae Music mit einem touch deutscher Volksmusik vor sich hinduddelt. Tanzen will keiner, jeder hat was zum Hurricane beizutragen, jeder weiß was und doch so richtig beruhigt wird keiner zu Bett gehen.

Die Bar unter sternenklarem Himmel wirkt wie umlagert von einem geschwätzigem Ameisenhaufen, nur der Kellner bleibt cool bezüglich der nahenden Gefahr. Das kann daran liegen, daß er sowieso damit ausgelastet ist einen der 18 verschiedenen Cocktails doch zweimal gleich schmecken zu lassen; das gelang ihm eigentlich nie, doch der Vorsatz zählt, und wer wird schon so kleinlich sein.

Am nächsten Morgen werden wir durch lautes Hämmern geweckt; einen Moment überlegt man ob man nicht vielleicht noch zu Hause ist, dann kommt die Erinnerung wieder, man ist in der Karibik, im Hotel, Alles Inklusive, Hotelbar, Hurricane... da war doch was.

Ein Blick vom Balkon zeigt, daß zu dieser uncristlich frühen Zeit bereits ein ganzer Haufen Einheimischer damit beschäftigt ist die Glasfronten der Hotelanlage mit recht massiven Holzlatten zu verrammeln, und das unser sengender Sonne.

Beim Frühstück plappern alle durcheinander was es auf dem 10.00 Uhr anberaumten Treffen an Neuigkeiten geben wird. Einige sagen er wäre schon vorbeigezogen, andere wissen das er voll auf die Insel zuhält und wieder andere wissen zu berichten, daß er sich einfach aufgelöst hat - bei einem Blick über den Strand bis zum Horizont, keine Wolke, die ersten sind schon im Wasser. Nur das Hämmern im Hintergrund paßt so gar nicht in die Idylle.

Beim Treffen entschuldigt sich Bärbel für die Unanehmlichkeiten uns teilt uns allen mit, daß sich die Einheimischen und somit das Küchen- und Zimmerpersonal verabschieden wird um die eigenen Behausungen zu sichern, da George sich wohl dazu entschloßen hätte über Antigua zu ziehen. Bei einigen weicht die tags zuvor gewonnene Bräune mehr einer bleicheren Gesichtsfarbe und erste kleine panische Fragen prasseln auf die Managerin ein; mutig steht sie Ihren Mann und versichert jedem daß er nicht gefährdet sei, die Fenster würden alle noch verrammelt und sie selber bliebe auch in der Anlage.

Gegen Mittag sind so gut wie keine Einheimischen mehr in der Anlage, das Wetter schön, auch wenn schon einige Wolken aufgezogen sind und der Horizont nicht mehr ganz so gut aussieht. Aber hungrig sind sie alle, nach dem Packen und verstauen Ihrer Habseligkeiten auf den Zimmern. Gottseidank gibt es auch Engländer im Hotel; die Küche wird gestürmt und es gibt, welch Überraschung, backed beans mit Rührei - selten hat uns ein englisches Mittagessen so gut geschmeckt.

15.00 Uhr und der Hurricane ist immer noch nicht da, aber die Engländer haben die Bar übernommen und schenken reichlich aus, vor allem sich; distanziert und doch angeregt beobachten die Deutschen wie die Engländer immer ausgelassener werden, ”welcome George” rufen während sie anfangen auf der Theke zu tanzen. „Die wissen wie man feiert” „..diese Engländer” ”Aber was ist denn mit dem Hurricane?” Nur wenige Deutsche schließen sich dem fröhlichen Treiben an, diese werden aber umso herzlicher von den Engländern auf der Theke begrüßt. Gegen 19.00 Uhr ist man dann soweit daß man in europäischer Eintracht auf der Theke die Hosen runterläßt und George in Richtung Horizont den Allerwertesten zeigt.

Trotzdem kommt George gegen 21.00 Uhr; starke Regenböen hatten Ihn angekündigt, heftige Winde begleiten Ihn- ab 22.00 Uhr bebt die ganze Hotelanlage - fehlt nur noch das Kreischen und Charlton Heston, dann hätte das eine der vielen kleinen Katastrophen- Szenen aus "Erdbeben" geben können. Der Strom fällt dann auch aus. So ergeben die Kerzen die alle von Bärbel bekommen hatten auch einen Sinn. Draußen kann man zwischen den Brettern nur noch die tiefschwarze Nacht auf schwarz sehen; so können wir nur erahnen was da draußen alles so abgeht.

Das Haus bebt und rumort derweil weiter. Erste Zweifel kommen bei uns auf, ob die Bretter die von den Einheimischen angenagelt wurden, auch ordnungsgemäß angenagelt wurden. Zu spät das zu überprüfen. Dann auf einmal gegen 00.30 Uhr eine gespentische Ruhe - das muß wohl das Auge sein. Was hatte Bärbel gesagt?! „Auf keinen Fall das Zimmer verlassen! Bleibt auf den Zimmern, bis ich Entwarnung gebe!”

Gesagt, getan und endlich eingeschlafen. Doch schon 1/2 Stunde später werden wir geweckt; leider nicht vom Roomservice, der Hurricane geht weiter. Wird das Beben nicht immer schlimmer, das Rumoren lauter, fragen wir uns. Erste Kontrollgänge mit der Kerze in der Hand durch das Zimmer ob sich da nicht Riße gebildet haben.

Wie es wohl den anderen auf der Insel ergehen mag. Die Häuser die wir auf dem Weg gesehen hatten, waren aus Holz. Vor dem inneren Auge sehe ich viele Häuser und Kühe, die unglaublich zahlreich auf Antigua sind, um die Wette durch die Luft fliegen. Die Bretter wackeln immer mehr, verdammt man hätte sich selber drum kümmern sollen, statt mit den Engländern zu feiern.

Irgendwann, nach einer endlosen Nacht wird Georg schwächer und endlich können wir schlafen.

Unausgeruht werden wir von Bärbel durch klopfen an der Tür geweckt; wir könnten rauskommen, es ist ausgestanden. Gespannt lugen wir aus dem Zimmer zwischen den Brettern: Wo ist der Strand? Wo gestern noch ein kleiner schöner Strand war ist jetzt nur noch eine Steinhalde - jetzt gibt es wohl einige Strände weniger auf Antigua denke ich spontan. Vor der Tür bietet sich ein Anblick wie er für die Hurricane Afterparty nicht passender hätte sein können:

Wo gestern noch eine bezaubernde Gartenanlage war, ist alles was größer als ein Strauch war umgekippt, Bäume entwurzelt oder einfach abgebrochen. Zubehör von Dächern, Regenrinnen und alles Mögliche liegt im Pool rum, die massiven Schreibtische der Open Air Rezeption hat es sieben Meter nach links gezogen und die Winde fanden es wohl witzig sie auf den Kopf abzustellen.

Vier Einheimische haben unter der wieder, als ob nie was passiert wäre, strahlenden Sonne, Mühe die Schreibtische wieder da aufzustellen, wo sie hingehörten. Überhaupt sind schon wieder fast alle Einheimischen da und wuseln herum, Bärbel nimmt man nur noch als Lufthauch war der sagt: „Es ist nicht so schlimm, wie wir befürchtet hatten”.

Nach und nach treffen einige an der Bar ein, erzählen sich wie sie die Nacht verbracht haben und diskutieren wie man die Aufräumarbeiten organisieren müßte; in der Zwischenzeit und von den Theoretikern unbemerkt, hat sich im und vor dem Restaurant eine Menschenkette gebildet die Stühle und Tische und Getränke bereits wieder am aufbauen war; nach einer Stunde, hätte man meinen können da wäre nichts gewesen, wenn nicht die Beschädigungen an den Häusern und an den Dächern gewesen wären.

Überhaupt zeigten sich die Einheimischen als Stehaufmännchen, kein Wehklagen kein Zögern: noch am selben Tag waren die Gärtner vollauf beschäftigt die Gärten wieder in Ordnung zu bringen, die Poolreiniger voll im Einsatz. Überhaupt gaben sich alle sehr viel Mühe die Schäden zu beseitigen und binnen zwei Tage hatten alle den Hurricane fast vergessen; nur die, die Nacht in der Badewanne verbracht hatten erinnerten sich bei jeder Bewegung an die Nacht.

Der Rest des Urlaubs verlief halt dann so wie ein All Inclusive Urlaub verläuft: Keine Mahlzeit auslassen, alles an Sport was es gibt um das Essen wieder abzuarbeiten, am Abend lausige Reaggea Musik und die Coqtailliste einmal auf, einmal runter.

Die obligatorische ”we survived” Fahne, natürlich von allen Anwesenden handsigniert, wurde aufgehangen, "in paar Jahren treffen wir uns alle wieder hier" Versprechen machen die Runde, aber eigentlich weiß jeder daß es vorbei ist. Die Gefahr ist überstanden, die Wege trennen sich, zurück bleibt die Erinnerung an einen Urlaub, der unvergeßlich bleiben wird; abgerundet wird unser Eindruck von dem Hurricane als wir auf dem Rückflug unplanmäßig aber unabänderlich, trotz einiger Beschwerden von Mitgliedern, die wircklich nicht verstehen was das soll, schließlich stand da nichts von im Katalog, auf Kuba noch Pauschalturlauber aufnehmen.

Erheitert hört man, daß es anderen wohl nicht so gut ergangen war und sie die Zimmer gegen Ende zu acht bewohnt hätten und überhaupt froh waren, noch am leben zu sein.